{"id":15,"date":"2025-04-17T15:58:12","date_gmt":"2025-04-17T13:58:12","guid":{"rendered":"https:\/\/pw-design.jfl-staging.de\/?p=15"},"modified":"2025-04-17T15:58:12","modified_gmt":"2025-04-17T13:58:12","slug":"stonecrusher","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/pw-design.jfl-staging.de\/design-eins-b\/2025\/04\/17\/stonecrusher\/","title":{"rendered":"Stonecrusher"},"content":{"rendered":"\n<p>Mein Name ist Nneka. Ich bin 16 Jahre alt. Ich bin Stone-Crusher. Wenn du in Sambia von Lusaka nach Harare f\u00e4hrst, wirst du mich sehen. Du musst bei meinem Steinh\u00fcgel halten und Schotter kaufen. Es ist der Beste; ich habe ihn selbst kleingeschlagen.<\/p>\n\n\n\n<p>Um ihn herzustellen schleppen M\u00e4nner Felsbrocken zum Stra\u00dfenrand. Einer hebt seinen Vorschlaghammer und l\u00e4sst ihn runterkrachen. Es dr\u00f6hnt in meinen Ohren, Steinsplitter sausen durch die Luft. Dann schl\u00e4gt der andere zu. \u201eB\u00e4ng!\u201c. \u201eDong!\u201c. \u201eB\u00e4ng!\u201c. \u201eDong!\u201c, hallt es meilenweit. Wir Frauen suchen Schutz im Schatten einer Akazie. Die Erde bebt unter der Wucht der Schl\u00e4ge, wir f\u00fchlen es unter den Fu\u00dfsohlen. Wenn die Schl\u00e4ge aufh\u00f6ren, sind wir dran. Wir klauben die zerborstenen Felsst\u00fccke zusammen und holen unsere H\u00e4mmer heraus. \u201eBing!\u201c. \u201eBlink!\u201c. \u201eBing\u201c! \u201eBlink!\u201c. Aus den Brocken wird Schotter. Den rechen wir zu H\u00fcgeln zusammen. Direkt neben der Fahrbahn, einer neben dem anderen.<\/p>\n\n\n\n<p>Fr\u00fcher haben wir in der N\u00e4he eines Flusses gelebt. Wir Kinder spielten Verstecken im Maisfeld. Wir a\u00dfen gebratene Kassava-Scheiben. Yamsbrei gab uns Kraft. Die Bananen schmeckten s\u00fc\u00df wie Honig. Am Abend st\u00fcrzten wir ins Wasser. Manchmal kamen auch K\u00fche dazu. Sie br\u00fcllten wohlig, wir Kinder quietschten und spritzten uns nass. Die Sonne brach sich in der Gischt; die Tropfen wurden zu bunten Perlen. Wir sprangen ihnen hinterher und versuchten sie zu fangen. Ein ums andere Mal klatschten wir in die Fluten.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber dann wurde der Fluss trocken. Der Boden bekam Risse; es sah aus, als ob tausend Tont\u00f6pfe heruntergefallen w\u00e4ren. Wenn man auf die Tonscherben trat, zerstieben sie zu Staub. Die Maisstauden wollten nicht mehr recht wachsen. Winzige Kolben hingen traurig herab, die Bl\u00e4tter raschelten im Wind. Ziegen und K\u00fche wurden immer d\u00fcnner, die Haut spannte \u00fcber ihren Rippen. Ihre Augen wurden tr\u00fcb.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWir gehen weg!\u201c, sagte Dad eines Tages zu mir.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWohin gehen wir?\u201c, fragte ich.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eZur Stra\u00dfe\u201c, meinte er.<\/p>\n\n\n\n<p>Dort leben wir jetzt in zusammengepfriemelten H\u00fctten. Ein paar \u00c4ste, Dung, Papier und verwehte Plastikfolien. Die Sonne f\u00e4llt durch die Ritzen. Am Tag sind die Lichttupfer auf dem Boden. Am Abend klettern sie die W\u00e4nde empor.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt sitze ich an der Stra\u00dfe. Am Horizont taucht der Schemen eines Lasters taucht auf. Ich springe auf und winke. \u201eHier! Hier!\u201c, schreie ich. Bestimmt ist es einer vom Stra\u00dfenbau, die brauchen Schotter f\u00fcr die neuen Stra\u00dfen. Ich renne neben ihm her, br\u00fclle und winke. Aber er braust vorbei. Wie fast alle.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist wieder still. Der Himmel ist weit; das weiche Abendlicht verspricht den Frieden der Nacht. Abendk\u00fchle kriecht die Stra\u00dfe entlang. In mir steigen Tr\u00e4ume auf. Im Nachbardorf habe ich eine Schneiderin gesehen. Ihre N\u00e4hmaschine sieht aus wie ein \u00e4sender Kaffernb\u00fcffel. So eine Maschine will ich auch haben: Meine F\u00fc\u00dfe treten das Pedal; der Maschinenkopf surrt und spuckt Kleider mit Blumenmustern aus. Alle wollen sie kaufen, ich wei\u00df es. Ich werde eine Kleiderk\u00f6nigin sein.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Der Text entstand bei einem Einsatz in Sambia. Es ging darum, Selbsthilfegruppen mit Hilfe der Aktionsforschungsmethode zu mehr Eigenst\u00e4ndigkeit zu bef\u00e4higen. Zuerst wurden alle Herausforderungen auf Zettel geschrieben. Dann wurden sie nach Wichtigkeit angeordnet. Im ersten Aktionsplan hielten wir gemeinsam die dringlichsten Aktionen fest und planten, welche Schritte von wem durchgef\u00fchrt werden sollten. Typische Schritte waren: Einen Kleinkredit besorgen, Ausbildung organisieren und Beh\u00f6rden besuchen, um Genehmigungen zu erhalten. Manchmal geh\u00f6rte auch ein erster Hilfe-Kasten oder die Organisation von Schulbildung f\u00fcr die Kinder dazu.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>In der Regel funktionierte diese Methode sehr gut: Schritt f\u00fcr Schritt sah man gemeinsam, was bei der Abarbeitung des letzten Plans funktioniert hatte und was nicht. Nach langen Diskussionen wurde der n\u00e4chste Aktionsplan erstellt. Das Ziel war es, dass die Selbsthilfegruppe immer st\u00e4rker wird und sich externe Hilfsorganisationen mehr und mehr zur\u00fcckziehen k\u00f6nnen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Bei den Stonecrushern stie\u00dfen wir allerdings auf unsere Grenzen. Die Gruppe zerhackte Felsbrocken und bot das Baumaterial am Stra\u00dfenrand an. Ich fragte nach Zukunftstr\u00e4umen und erhielt die Antwort: \u201eNicht mehr Stonecrusher sein.\u201c Das darauffolgende Schweigen h\u00f6re ich noch bis heute. Einer jungen Arbeiterin habe ich versucht, mit diesem Text eine Stimme zu verleihen.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mein Name ist Nneka. Ich bin 16 Jahre alt. Ich bin Stone-Crusher. Wenn du in Sambia von Lusaka nach Harare f\u00e4hrst, wirst du mich sehen. Du musst bei meinem Steinh\u00fcgel halten und Schotter kaufen. Es ist der Beste; ich habe ihn selbst kleingeschlagen. Um ihn herzustellen schleppen M\u00e4nner Felsbrocken zum Stra\u00dfenrand. 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