{"id":13,"date":"2025-04-17T15:56:43","date_gmt":"2025-04-17T13:56:43","guid":{"rendered":"https:\/\/pw-design.jfl-staging.de\/?p=13"},"modified":"2025-04-17T15:56:43","modified_gmt":"2025-04-17T13:56:43","slug":"to-be-someone","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/pw-design.jfl-staging.de\/design-eins-b\/2025\/04\/17\/to-be-someone\/","title":{"rendered":"To be someone"},"content":{"rendered":"\n<p>Das Klacken eines Absatzes ist auf dem Gang zu h\u00f6ren. Pause. Ein weiteres Klacken. Pause. Die T\u00fcrklinke senkt sich. Ein St\u00f6ckelschuh erscheint im Spalt; knarrend schwingt die T\u00fcre auf.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eBonjour\u201c, meint Fatouma. Aber ihre Stimme klingt nicht nach einem guten Tag, sie klingt nach Unbehagen. Weil sie heute auf den Handwerkermarkt Katako muss. Die Wege dort sind unbefestigt und dreckig; der Gestank der offenen Kanalisation ist oft unertr\u00e4glich.<\/p>\n\n\n\n<p>Fatouma ist Animateurin. In unserem Projekt soll sie Handwerkern bei der L\u00f6sung ihrer Probleme helfen. Indem sie motiviert, Denkanst\u00f6\u00dfe gibt und Aktionspl\u00e4ne erarbeitet. Als sie Platz nimmt, sinken die Enden ihres drapierten Rocks langsam zu Boden. Ihre H\u00e4nde umfassen die Handtasche. \u201eDIOR\u201c steht in goldenen Lettern auf dem nigerianischen Plagiat.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEs l\u00e4uft doch gar nicht so schlecht\u201c, versuche ich ihr Mut zu machen. \u201eDie Verkaufsboutique der Blechverarbeiter ist doch schon aufgebaut\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eJe sais \u2013 ich wei\u00df\u201c, meint Fatouma gelangweilt und zupft eine Haarstr\u00e4hne zurecht.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDas ist doch super! Wir m\u00fcssen jetzt nur noch die Qualit\u00e4t der Werkzeuge verbessern!\u201c. Wie ein Verk\u00e4ufer stehe ich auf und laufe vor Fatouma auf und ab. Drei Schritte nach links, drei nach rechts, mehr gibt unser stickiges B\u00fcro in der nigrischen Handwerkskammer nicht her.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSchon irgendeine Idee, wie wir das machen k\u00f6nnen?\u201c Erwartungsvoll schaue ich sie an.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWir m\u00fcssen ihnen sagen, dass sie ihr Geschick selbst in die Hand nehmen k\u00f6nnen\u201c, leiert sie ihren auswendig gelernten Text herunter. \u201eSie m\u00fcssen nur an sich glauben und beharrlich an L\u00f6sungen arbeiten\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Entt\u00e4uscht setze ich mich. Fatouma verk\u00f6rpert f\u00fcr mich nicht das, was ich mir unter einer Animateurin vorstelle. Die Kleidung: Zu modisch f\u00fcr die Kooperation mit Handwerkern. Ihr Auftreten: Viel zu verhalten, um die gew\u00fcnschte Dynamik zu entfachen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch geh dann mal\u201c, meint sie und h\u00e4lt ihre Handtasche wie ein Schutzschild vor sich. Ihre hochhackigen Schuhe klacken auf den Bodenkacheln.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Woche sp\u00e4ter hat Fatouma Malaria und ich mache einen Krankenbesuch. Weit drau\u00dfen in Pays Bas wohnt sie. Wellblechd\u00e4cher bedecken zusammengeschusterte Lehmbauten. Auf den Pisten stapelt sich Abfall; Plastikt\u00fcten haben sich in Dornenb\u00fcschen verfangen.<\/p>\n\n\n\n<p>In ihrem Zimmer liegen Matten auf gestampften Lehmboden. Ein kleiner Tisch, ein Regal \u2013 mehr Mobiliar gibt es nicht. Auf einer Matratze liegt Fatouma und l\u00e4chelt matt. Das k\u00fcnstliche Haarteil liegt in einer Schale neben ihr. Ohne Schminke sieht sie \u00e4lter aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie erz\u00e4hlt, dass sie hier mit vier Freundinnen haust. Mehr k\u00f6nne sie sich nicht leisten, mehr sei einfach nicht drin. Ich wei\u00df nicht wohin mit den mitgebrachten Blumen. Ich wei\u00df nicht, was ich angesichts der Tristesse sagen soll.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Auto suche ich nach Ablenkung und lege eine Kassette ein. Tracy Chapman singt von Tr\u00e4umen von einem besseren Leben. \u201eTo be someone, to be someone\u2026\u201d, scheppert es aus den Boxen, als ich mich dem Zentrum von Niamey n\u00e4here.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Klacken eines Absatzes ist auf dem Gang zu h\u00f6ren. Pause. Ein weiteres Klacken. Pause. Die T\u00fcrklinke senkt sich. Ein St\u00f6ckelschuh erscheint im Spalt; knarrend schwingt die T\u00fcre auf. \u201eBonjour\u201c, meint Fatouma. Aber ihre Stimme klingt nicht nach einem guten Tag, sie klingt nach Unbehagen. Weil sie heute auf den Handwerkermarkt Katako muss. 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